Die Kantonspolizei hat, wie sie am Donnerstag mitteilte, einen Mann geschnappt, der mehr als 20 Einbruchdiebstähle begangen haben soll. «Beim Festgenommenen handelt es sich um einen 44-jährigen Italiener aus dem Bezirk Affoltern.»

Die Stadtpolizei Zürich schrieb gleichentags in einem Communiqué, dass sie drei Drogenkuriere gefasst habe: «Die beiden Holländerinnen im Alter von 20 und 30 Jahren und ihr 34-jähriger Landsmann wurden festgenommen.» Inskünftig soll die Stapo die Herkunft von Tatverdächtigten nicht mehr nennen. Das verlangt ein Postulat, das das Stadtzürcher Parlament in dieser Woche überwiesen hat und der Stadtrat nun intern diskutieren muss.

Die Nennung der Nationalität ist in der Regel zwar wirklich, wie von den Mitte-Links-Politikern angeführt, völlig überflüssig. Dass nun aber die Politik der Polizei vorschreiben will, was diese den Medien mitteilen darf, ist unsinnig. Es ist an den Medien zu entscheiden, welche Fakten relevant sind. Sie müssen gewichten, sie müssen recherchieren, was hinter einer Meldung steckt.

Der Presserat sieht zwar kein Problem, wenn die Nationalität konsequent – also auch bei Schweizern – genannt wird. In den Richtlinien zu den Pflichten der Journalisten heisst es aber auch inhaltlich einschränkend: «Bei Berichten über Straftaten dürfen Angaben über ethnische Zugehörigkeit, Religion, sexuelle Orientierung oder Behinderung gemacht werden, sofern sie für das Verständnis notwendig sind.»

Der Dieb ist Italiener und aus dem Säuliamt– erklärt das was?

Und genau da liegt das Problem: Was bringt nun der Hinweis auf die Nationalität im Fall des erwähnten Serieneinbrechers? Sind die Einbrüche nun schlimmer, weil sie ein «44-jährige Italiener aus dem Bezirk Affoltern» begangen hat? Werden die Taten so erklärt?

Der Hinweis auf den «Italiener» schürt nun nicht direkt die Fremdenfeindlichkeit. Im Kontext der Kriminaltourismusdebatte, welche die Öffentlichkeit zu Recht beschäftigt, ist die Herkunftsnennung in diesem Fall aber durchaus heikel. Schon wieder ein krimineller Ausländer, heisst es am Stammtisch. Dabei ist dieser Serieneinbrecher ja gerade kein «Kriminaltourist».

Laut Polizeimeldung stammt er aus dem «Bezirk Affoltern». Der 44-jährige italienische Dieb könnte, das geht aus dem Communiqué nicht hervor, schon seit 40 Jahren im Säuliamt leben und sich längst weniger italienisch fühlen, als all die Deutschweizer Senioren, die ins Tessin ausgewandert sind. Dabei ist es egal, wie sich der Italiener nun fühlt: Die Polizei hat einen Dieb dingfest gemacht, das ist relevant, das ist die Geschichte.

Dass der Dieb nun – zufällig – Italiener ist, spielt keine Rolle. Auch bei Autounfällen, über die die Polizei informiert, ist es letztlich in der Regel egal, ob der Unfallverursacher nun Franzose, Albaner oder Aargauer war. Informationswert haben andere Angaben: Wie kam es zum Unfall? Liegt ein Unfallschwerpunkt vor, ist etwa die Signalisation fehlerhaft?

Ein einzelner italienischer Dieb macht noch keine Mafia

Die Politik darf der Polizei dennoch nicht vorschreiben, dass diese den Medien die Herkunft verschweigen muss. Diese Angabe ist in aller Regel zwar überflüssig, kann aber im Einzelfall wichtig sein. Und gerade da sind die Medien gefragt: Sie müssen die Informationen sammeln können, sie müssen am Ende entscheiden können, welche Angaben nun wesentlich sind.

Die Herkunft der Täter könnte etwa bedeutsam werden, wenn im Bezirk Affoltern im Laufe der Zeit mehrere «italienische Diebe» gefasst werden oder sich im Säuliamt gar mafiöse Strukturen bilden sollten. Dann wäre es Aufgabe der Medien, diese Entwicklung aufzugreifen, zu thematisieren. Ein italienischer Dieb allein macht aber noch keine Mafia.

Dasselbe gilt auch bei den niederländischen (holländischen?) Drogenkurieren, die die Stadtpolizei gefasst hat. Der Weg, den Drogen nehmen, kann wichtig sein. Dann muss dieser aber auch thematisiert werden. Wenn nun die drei Holländer die Drogen, die sie in Zürich verkaufen wollten, in Frankreich gekauft hätten, dann würde der Leser mit den Hinweis auf deren niederländische Herkunft auf die falsche Fährte geführt (falls Sie nun übrigens an Cannabis gedacht haben – die Holländer wollten Kokain einführen).

Verzichten die Medien auf die Herkunftsnennung eines Täters, hat dies nichts mit Zensur zu tun. Sie sind nach einer internen Diskussion zum Schluss gekommen, dass die Nationalität in diesem Fall einfach keine Rolle spielt. Eine konsequente Herkunftsbezeichnung bringt nämlich keine Transparenz, weil sie in der Regel nichts erklärt. Ebenso unsinnig wäre ein konsequentes Verbot – denn gerade dieses würde am Stammtisch zu mehr Skepsis und Argwohn führen.

Wenn die Herkunft relevant ist – etwa beim Thema Kriminaltourismus – müssen die Medien berichten können. Der Zürcher Stadtrat darf deshalb seiner Polizei diese Angaben nicht verbieten. Wir, die Medien und damit auch die «Limmattaler Zeitung», stehen aber in der Pflicht, diese Diskussionen zu führen. Immer wieder.

Erschienen: Wochenkommentar der az Limmattaler Zeitung. 22. August 2015