Eigentlich klingt die amtliche Ausschreibung technisch-trocken: Ein Verein ersucht um eine «Erteilung der wasserrechtlichen Konzession» und um eine «gewässerschutzrechtliche Bewilligung». Doch das Projekt, das dahinter steckt, weckt die Neugier: «Einbau eines Wasserrades in den Schanzengraben zwecks Stromgewinnung.»

Wer an mögliche Standorte für eine Nutzung von Wasserkraft denkt, der wird nicht als erstes auf den Schanzengraben, dieses kleine, verwinkelte Gewässer mitten in der Stadt Zürich, kommen. Fabio Guidi, der mit seinem Kompagnon Urs Wiskemann hinter dem Gesuch steckt, spricht ebenfalls von einem «durchaus unkonventionellen Ort». Aber er sei früher immer wieder an dieser Stelle vorbeikommen – und er habe sich immer wieder geärgert. «An diesem Wehr wird einfach Energie vernichtet.» Durch das Regulierwehr auf der Höhe des City-Hallenbades und des Badwegs würden 3000 Liter Wasser pro Sekunde über eine Fallhöhe von 70 Zentimetern fliessen. «Das muss doch genutzt werden.»

Das wollen nun Guidi und Wiskemann mit einem Wasserrad tun. Die beiden verfügen über entsprechende Erfahrung: Einerseits sind sie seit je von Wasserkraft fasziniert – sie haben bereits in der Pfadizeit gemeinsam Wasserräder gebastelt, wie Guidi lachend erzählt. Andererseits führen sie seit 20 Jahren in Männedorf die «Motorsänger GmbH», die zwar hauptsächlich individuelle Spielplätze realisiert, aber immer wieder – wie unter anderem bei der Herzogenmühle in Wallisellen – moderne Wasserräder erstellt.

Fragen wegen vieler Fische

Am Schanzengraben arbeiten die «Motorsänger» aber nicht auf Auftrag. Sie haben den Verein «zur Förderung nachhaltiger Energie mittels Wasserrädern» gegründet und werden das 200000-Franken-Projekt selber planen, realisieren und finanzieren. Damit das klappt, muss nun zunächst das Konzessionsgesuch, in dem auch die Baubewilligung integriert ist, genehmigt werden.

Das Regulierwerk am Schanzengraben: Das Wasserrad soll oberhalb davon erstellt werden.

Das Regulierwerk am Schanzengraben: Das Wasserrad soll oberhalb davon erstellt werden.

Mit den Kanusportlern, die unterhalb des Regulierwehrs hin und wieder üben, konnte sich der Verein einigen. Statt im «Unterwasser» ist das Wasserrad nun im «Oberwasser», also oberhalb des Wehrs, geplant. Ungeklärt ist derzeit noch die Situation bezüglich Fische; im Schanzengraben tummeln sich 22 verschiedene Arten. Guidi muss nun einen zusätzlichen Bericht erarbeiten lassen, wie sich das Wasserrad auf die Population auswirken wird.

Das Bewilligungsverfahren bezeichnet Fabio Guidi insgesamt als aufwendig; er habe schon «mindestens bei 15 verschiedenen Stellen vorgesprochen». Und in der vergangenen Woche hat er das Bauprojekt ausstecken müssen. Als Auflage galt, nicht ins Wasser zu bauen. So sind nun Schnüre über den Schanzengraben gespannt, die die Bauvisiere in Position halten. «Passanten fragten uns, ob das ein Kunstprojekt sei», sagt Guidi. Er glaubt trotz dieses Aufwandes nach wie vor an das Schanzengraben-Wasserrad, wie auch grundsätzlich an die altbewährte «Nischen-Technik». Mit den heutigen Materialien und Geräten sei der Unterhalt minimal; das aus rohem Stahl gefertigte Wasserrad halte fast ewig. Dank der gemächlichen Bewegung – das Rad dreht sich fünf-, sechsmal in der Minute – bleibe auch der Verschleiss gering. Zudem werde bei einem Wasserrad im Vergleich zu einer Turbine kein Unter- oder Überdruck erzeugt, für Fische und andere Lebewesen seien sie damit grundsätzlich ungefährlicher.

Nur sechs Prozent «Wasserstrom»

Im Kanton Zürich kommt der Wasserkraftnutzung insgesamt «eine geringe Bedeutung» zu, wie es bei der Baudirektion heisst. «Es bestehen aufgrund der topografischen Verhältnisse und der hohen Dichte von Ansprüchen kaum Standorte, die aus heutiger Sicht eine ökonomisch und ökologisch sinnvolle Energieproduktion mittels Kleinwasserkraftwerken zulassen.»

Derzeit steuert die Wasserkraft rund sechs Prozent an den gesamten kantonalen Strombedarf bei. Dieser kommt fast ausschliesslich von den elf grössten Anlagen. Die vielen Kleinwasserkraftwerke sind da fast vernachlässigbar: Selbst wenn «alle der rund 95 bewilligten Kleinwasserkraftwerke in Betrieb stehen würden, kämen noch rund 0,05 Prozent hinzu», heisst es in einem Bericht des Amtes für Abfall, Wasser, Energie und Luft (Awel). «Diese Zahlen zeigen deutlich, dass die Strom-Versorgungssicherheit im Kanton Zürich nicht mit eigener Wasserkraft gesichert werden kann.»

Auch Guidis 90000-kWh-Wasserrad wird kantonsweit natürlich keinen wesentlichen Beitrag an diese «Strom-Versorgungssicherheit» leisten: Er geht davon aus, dass der Strom aus dem Schanzengraben den Bedarf von 20 bis 25 Haushalten abdecken wird. Die Frage, ob sich der ganze finanzielle, planerische und rechtliche Aufwand lohnt, stellt sich für Guidi nicht: «20 Haushalte sind 20 Haushalte.» Das Wasser fliesse, die Energie sei da. Wenn das genutzt werden könne, dann lohne sich das doch, sagt Guidi. «20 Haushalte, einfach so.»

Es wird mindestens Sommer 2017

Das Konzessionsgesuch ist nun gestellt. Seit gestern Freitag liegen die Unterlagen und die Pläne für das Wasserrad bei der Stadtverwaltung öffentlich auf. Gehen keine Beschwerden ein, könnte das Gesuch in rund einem halben Jahr bewilligt sein, heisst es bei der für die Konzession zuständigen kantonalen Baudirektion. 2016 wird aber, auch wenn das Verfahren reibungslos ablaufen sollte, noch kein Wasserrad im Schanzengraben erstellt. Aus Rücksicht auf die Fische und deren Laichzeit darf nur zwischen Juni und September im Gewässer gebaut werden. Da wäre für Guidi und seine Kollegen die Vorlaufzeit zu knapp; Sommer 2017 ist deshalb der früheste Termin. Bis dahin, sagt Guidi und schüttelt erneut ungläubig den Kopf, werde dort am Schanzengraben einfach weiterhin Energie vernichtet.

Erschienen: Limmattaler Zeitung, 5. Dezember 2015. Landbote, 7. Dezember 2015