Verkehr:  Wer steigt vom komfortablen Auto auf das anstrengende Velo um? Eine statistische Analyse

Der Kanton Zürich könnte ein Velokanton sein: Drei Viertel der Bevölkerung besitzen ein eigenes Fahrrad – oder können in der Regel zumindest rasch und problemlos auf ein solches zugreifen. Dies wäre im Sinne des Regierungsrates, der den sogenannten Langsamverkehr fördern möchte: Um die verstopften Strassen zu entlasten, will er insbesondere in den dichten Siedlungsräumen der Agglomerationen erreichen, dass «der Fuss- und der Veloverkehr künftig eine wichtige Rolle spielen sollen».

Thomas Hofer vom statistischen Amt des Kantons Zürich hat den Veloverkehr nun anhand von Daten aus dem Jahr 2010 vertieft statistisch ausgewertet. Die Bilanz dieser «Sonderauswertung des Mikrokosmos Mobilität und Verkehr» fällt eher ernüchternd aus. Hofer spricht von einem «doch eher bescheidenen Marktanteil des Velos». Herr und Frau Zürcher legen mit den verschiedenen Verkehrsmitteln nämlich täglich durchschnittlich eine Distanz von 36 Kilometern zurück. Etwas weniger als einen Kilometer davon unternehmen sie im Schnitt mit ihrem – oder dem ausgeliehenen – Velo. Lediglich rund zwei Prozent des Verkehrsaufkommens bewältigt der typische Zürcher also mit dem Velo.

Dieser kleine Wert mag an sich nicht überraschen: Natürlich legt die Zürcherin und der Zürcher grundsätzlich, da es so einfacher und mit weniger Aufwand geht, mit der Bahn und dem Auto längere Distanzen zurück als mit dem Velo oder zu Fuss. Statistiker Hofer hat deshalb auch unabhängig von der zurückgelegten Strecke analysiert, wie oft der typische Einwohner auf welche Art unterwegs war. Das führt zu einer leichten, aber nicht wesentlichen Verbesserung: «Für vier Prozent ihrer täglichen Etappen nehmen die Zürcher das Velo.» Fast die Hälfte der Etappen wird übrigens zu Fuss absolviert. Dabei handelt es sich meist um kurze Wege zur Bus- oder Bahnstation (pro Tag kommt der typische Zürcher so aber doch auf zwei Kilometer).

Potenzial bei längeren Strecken

Der Regierungsrat ging in seinem Gesamtverkehrskonzept bislang davon aus, dass das Fahrrad insbesondere vermehrt auf kurzen Strecken zum Einsatz gelangen und so kurze Autofahrten ersetzen könnte. Denn laut Statistik ist die Hälfte aller Autofahrten kürzer als fünf Kilometer.

Der Statistiker winkt aber eher ab. Der «radikale Wandel» würde statistisch wenig bewirken: Denn angenommen, die Zürcher Bevölkerung würde künftig für alle Autoetappen, die weniger als fünf Kilometer lang sind, das Velo nehmen, würde dessen Marktanteil nur um vier auf sechs Prozent steigen (und etwa jenem des Fussverkehrs entsprechen). «Etwas mehr als die Hälfte der Distanz, welche die Zürcherinnen und Zürcher täglich zurücklegen, entfiele aber nach wie vor auf das Auto», hält Thomas Hofer in seiner Studie fest. Zudem würden kurze Autofahrten, wie die Statistik weiter zeigt, überproportional oft zum Einkaufen genutzt: «Das Auto hat einen klaren Vorteil, weil der Transport von Lasten mit dem Velo schnell an Grenzen stösst.»

Würde das Fahrrad hingegen auf mittleren Distanzen – auf Strecken von 5 bis 15 Kilometern – eingesetzt, könnten laut der Analyse gleich drei von vier Autoetappen ersetzt werden. «Das Potenzial ist also gross.» Es wird aber, auch das zeigt die Statistik, noch nicht genutzt – nur jede zehnte Veloetappe ist heute länger als fünf Kilometer. Der geplante Ausbau der Infrastruktur (etwa Veloschnellwege oder sichere und durchgehende Radwege) sowie das Aufkommen der E-Bikes könnten daran etwas ändern.

Aus der Sonderauswertung «Veloverkehr» geht hervor, dass der typische Zürcher Radfahrer jung und männlich ist. Erwartungsgemäss nimmt er sein Velo im Sommer häufiger als im Frühling und Herbst hervor. Im Winter lässt er es typischerweise im Keller. Auf dem Land wird, wenn es nicht hügelig ist, zudem grundsätzlich häufiger und länger in die Pedale getreten als in den Städten. Ausnahme bildet die Velostadt Winterthur, wo sich jeder fünfte Einwohner im Schnitt einmal pro Tag auf den Sattel schwing. (og)

erschienen: Limmattaler Zeitung, 12. Februar 2015